Wissen(schaft) für alle: Intervallfasten ist nicht immer erfolgreich

Intervallfasten! Ist das simple Nicht-Essen für 16 Stunden am Tag so erfolgversprechend für die Gewichtsabnahme, wie es immer wieder zu lesen ist? Wie kann es sein, dass einige trotz größter Bemühungen keine Kilos verlieren? Die Arbeitsgruppe von Dylon A. Lowe... 

...hat Interessantes dazu herausgefunden und es am 28.09.2020 im Journal of American Medical Association (kurz: JAMA) veröffentlicht.

Wer wurde untersucht?
In dieser 12-wöchigen Untersuchung nahmen 116 übergewichtige und adipöse US-Amerikaner*innen (70 Männer und 46 Frauen zwischen 18 und 64 Jahren, BMI 27–43) teil. 115 Personen beendeten die Studie.

Zur Erklärung: Leider passiert es immer wieder bei Ernährungsstudien, dass anfänglich viele Personen starten, jedoch nicht bis zum Ende mitmachen. Das „am Ball bleiben“ wird als Compliance bezeichnet. Die Gründe für die Nicht-Compliance sind vielfältig. Wenn eine untersuchte Diät beispielsweise nicht schmeckt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Studienteilnehmer*innen frühzeitig aussteigen. Es wird ja keine*r gezwungen. Der häufigste Grund ist jedoch, dass Menschen Hunger entwickeln. Und hungrig geht die Motivation zur Teilnahme schnell Richtung Null.

 

Was wurde untersucht?

Primär sollte herausgefunden werden, ob das Essen nur in bestimmten Zeitspannen einen Einfluss auf die Gewichtsreduktion hat. Zweitrangig wurden auch die Körperzusammensetzung (Körperfettmasse, Muskelmasse), sowie einige Blutparameter gemessen (Insulin und Glukose nüchtern am Morgen, der Langzeitzuckerwert HbA1c) und auch der Energieumsatz.

 

Wie wurden die Teilnehmer*innen untersucht?

Die Studie war eine prospektive Studie.

Zur Erklärung: Prospektiv bedeutet, dass erst eine Hypothese aufgestellt (hier: Intervallfasten führt zur Gewichtsabnahme) und dann die Untersuchung eingeleitet wird. Das Gegenteil ist retrospektiv: Die Daten sind schon vorhanden und dann wird eine Hypothese aufgestellt. Ein Vorteil von prospektiven Studien ist, dass die Daten aus der Untersuchung genau zur Fragestellung („Führt Intervallfasten zur Gewichtsabnahme?“) passen.
Ein Vorteil ist auch, dass in retrospektiven Untersuchungen manchmal gefragt wird, was man letzte Woche, letzten Monat, letztes Jahr gegessen hat. Dabei werden natürlich meist nicht sehr genaue Angaben gemacht, denn wer weiß das schon (außer man trackt sein Essen vielleicht täglich mit einer Ernährungs-App)?

In dieser Studie wurde jede*r der Teilnehmer*innen mit einer App und auch mit einer Körperwaage (iHealth Lite Bluetooth Scale, Model HS4S) ausgestattet. Die App diente dazu, tägliche Nachrichten an die Proband*innen zu versenden und gleichzeitig auch täglich das gemessene Gewicht aufzuzeichnen. Die Waage war per Bluetooth mit der App verbunden.
Die Studienteilnehmer wurden nach dem Zufallsprinzip, also randomisiert (diesen Fachbegriff kennen Sie auch schon aus der letzten Blogbeitrag über die Wirkung von Olivenöl bei Leberverfettung) in zwei Gruppen eingeteilt.

  • Gruppe 1 war die Intervallfastengruppe:
    Die 59 Personen in dieser Gruppe durften zwischen 12.00 und 20.00 Uhr essen. Von 20.00 bis 12.00 Uhr wurden keine Kalorien – auch nicht durch Getränke – zu sich genommen. Kalorienfreie Getränke waren in diesen 16 Stunden erlaubt.
    Sie erhielten eine tägliche Erinnerung, wann gegessen werden darf, aber keine Limitierung hinsichtlich dessen, was* und wieviel* gegessen wird. 83,5 % in dieser Gruppe haben das eingehalten.

*Zur Erklärung: Essen ohne Limit nennt man in der Fachsprache „ad libitum“. Das ist sehr realitätsnah, denn die meisten Menschen möchten sich satt essen (ohne dabei Kalorien zählen zu müssen). Außerdem erfährt man dann auch, dass nicht eine auferlegte Kalorienreduktion zur möglichen Gewichtsabnahme führt, sondern in diesem Studienbeispiel der Einfluss des Intervallfastens.

  • Gruppe 2 war die Kontrollgruppe:
    Die 57 Personen in dieser Gruppe aßen drei Hauptmahlzeiten (mit Pausen dazwischen). Auch sie erhielten keine Begrenzung in der Auswahl und Menge Ihrer Lebensmittel. 92,1 % in dieser Gruppe haben das eingehalten.

Zur Erklärung: Wozu es in Studien eine Kontrollgruppe gibt, haben Sie in dem letzten Blogbeitrag aus unserer Reihe "Wissenschaft für alle" erfahren können.

 

Was kam raus? Was sind die Ergebnisse?

Die Gruppe 1, die das Intervallfasten umgesetzt hat, hat im Mittel 0,94 kg abgenommen. Innerhalb dieser Gruppe war der Unterschied vom Beginn bis zum Ende signifikant, also wissenschaftlich bedeutend. Die Gruppe 2 hat im Mittel 0,68 kg abgenommen. Dieser Gewichtsverlust von Beginn bis Ende innerhalb dieser Gruppe 2 wurde statistisch nicht bedeutend, also als nicht signifikant, eingestuft.
Beim Vergleich der beiden Gruppen kam man statistisch ebenfalls zu einem nicht signifikanten Unterschied, im Mittel lag er bei 260 g.

Wenn die Forscher sich die Werte für jede Person einzeln angeschaut haben, so wurde deutlich, dass die Personen in der Intervallgruppe im Mittel 1,7 kg in den zwölf Wochen verloren (signifikant!). In der Kontrollgruppe mit drei Mahlzeiten am Tag kam es zu einem Gewichtsverlust von 0,57 kg.

Doch Gewicht ist nicht alles! Denn auch die Körperzusammensetzung und die Blutwerte sind wichtig, um die Gesundheit zu bemessen. Kurz zusammengefasst: Die Körperzusammensetzung hat sich innerhalb jeder der Gruppen und auch im Vergleich etwas verändert, aber nur sehr gering. Und bezüglich der Blutwerte gab es auch keine signifikanten Unterschiede.

Möchtest du dir die präzisen Zahlen in der Originalstudie anschauen. Hier ist die Arbeit von Lowe et al. für alle einsehbar.

 

Und was bedeutet das?

Um durch Intervallfasten abzunehmen bedarf es mehr, als nur die Zeiten einzuhalten und Stunden des Nicht-Essens zu zählen. Genauso wie das Kalorienzählen auf Dauer nicht zwangsläufig etwas bringt, ist es wohl auch mit den Stunden.
Wer abnehmen möchte, muss viel mehr auf die Qualität und auch die Quantität – also von was wird wieviel gegessen – achten. Darüber haben wir schon einmal in den Blogbeiträgen 3-2-1: Intervallfasten ja oder nein und auch Intervallfasten – worauf es beim Essen ankommt  geschrieben. Denn mit dem richtigen Essen – unabhängig vom Intervallfasten – lässt sich nicht nur das Gewicht regulieren, sondern auch die Blutwerte und die Körperzusammensetzung verbessern.
Doch dazu erfährst du in unseren Blogposts in Zukunft noch mehr! Und wenn du schon jetzt mehr Studien lesen möchtest, schau doch mal auf unserer Wissenschaftsseite vorbei.

  

(Heike Niemeier)

 


Quellen: 
Studie "Effects of Time-Restricted Eating on Weight Loss and Other Metabolic Parameters in Women and Men With Overweight and Obesity" von der Arbeitsgruppe Dylon A. Lowe, 2020


 Bild:    © ulleo / pixabay.com 

Mittwoch, 28 Oktober 2020 05:57

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